Die Lücke

Als ich die Augen öffnete, sah ich zuerst die Decke.

Dann die Hand auf meiner Schulter.

Und dann die Wand.

„Alma?“

Lucie beugte sich zu mir herunter. Ihre Stimme war leise, obwohl außer uns niemand im Raum war.

Ich richtete mich auf der Bank auf und sah noch einmal hin.

Die helle Stelle war noch da.

Natürlich war sie das.

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen hatte. Vielleicht nur ein paar Minuten. Ich hatte mich hingelegt, nachdem ich gesehen hatte, dass Redoutés Rose fehlte. Einfach so, mitten am Vormittag, auf die Bank vor der leeren Wand.

Für einen Moment hatte ich gehofft, ich wäre nur müde gewesen.

Dass ich die Augen schließen und wieder öffnen könnte und alles wäre wie vorher.

Es war ein kindischer Gedanke.

Aber schöne Dinge haben ihre eigene Vernunft. Man lebt mit ihnen, sieht sie jeden Tag, und irgendwann bemerkt man gar nicht mehr, wie viel sie einem geben.

Bis sie fehlen.

Jeden Morgen kam ich durch den Hof, ging die Treppe hinauf und sah bei Redouté vorbei, bevor mein Arbeitstag richtig begann.

Manchmal trug ich noch meinen Mantel. Im Winter waren meine Finger kalt, und an Regentagen roch meine Tasche nach nassem Leder. Ich blieb nie lange.

Ein paar Sekunden genügten.

Die Rose war nicht groß. Wer den Raum nur durchquerte, konnte sie leicht übersehen. Ein dünner Stängel, die feinen Blätter und dieses Rosa, das so zurückhaltend war, dass ich jedes Mal ein wenig näher herantreten wollte.

Ich kannte jedes Detail.

Und trotzdem sah ich sie jeden Morgen wieder gern.

Es gab viele solcher Dinge in meinem Leben.

Die grünen Fensterläden eines Hauses, an dem ich morgens vorbeiging. Das Papier eines bestimmten Notizbuches. Eine Tasse mit einem kaum sichtbaren Sprung im Henkel. Das Licht auf den Steinen im Hof, wenn die Sonne richtig stand.

Ich brauchte solche Dinge.

Ich sah schöne Dinge nicht nur gern. Ich suchte sie mit den Augen. Auf meinem Weg durch Paris, in Schaufenstern, auf Tischen, an Häusern, in fremden Händen.

Ein besonders schönes Papier konnte mir einen schlechten Morgen retten. Wenn irgendwo Blumen standen, sah ich fast immer zuerst zu ihnen. Und eine Tasse, die genau richtig in der Hand lag, konnte jahrelang meine liebste bleiben.

Nun sah ich auf die Stelle an der Wand, an denen der Rahmen gehangen hatte.

„Es ist doch nur für eine Weile weg“, sagte Lucie.

Ich sah zu ihr.

„Wie lange?“

„Ein paar Monate.“

Ein paar Monate.

Ich blickte wieder auf die Wand.

„Was soll ich denn jetzt morgens ansehen?“

Lucie schwieg einen Augenblick.

Vielleicht dachte sie, ich machte einen Scherz.

Ich machte keinen.

Drei Monate waren sehr lang für etwas, das man jeden Tag brauchte.

— Alma

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