Un après-midi, Versailles
Ich hatte Madame Lebèvre ein paar Petits Fours für den Nachmittag mitgebracht. Während sie den Tee aufgoss, durfte ich den schönen Teller aus der alten Vitrine im Wohnzimmer holen. Hinter ihm lagen einige gefaltete Blätter.
Kleider, mit Bleistift gezeichnet. Daneben Maße, durchgestrichene Linien und ein Wort, das mich innehalten ließ: Versailles.
„Die hatte ich lange nicht mehr in der Hand.“ Madame trat neben mich und lächelte. Mit dem Finger strich sie eine Papierkante glatt.
Oben stand: 28. November 1973. An diesem Abend, erzählte sie, hatten fünf französische Modehäuser und fünf amerikanische Designer ihre Entwürfe im Königlichen Opernhaus von Versailles gezeigt. Mit dem Erlös sollte das Schloss restauriert werden. Josephine Baker war aufgetreten, ebenso Liza Minnelli. Später sprach man von der „Bataille de Versailles“. Die Amerikaner hatten mit ihrer schwungvollen Schau für eine Überraschung gesorgt.
„Ich gehörte zu den Schneiderinnen, die für den Abend beauftragt waren. Manchmal trennten wir morgens wieder auf, was wir am Abend zuvor genäht hatten.“
Sie zeigte auf einen Ärmel. Neben ihm standen drei verschiedene Maße.
„Welches wurde es?“
„Das vierte.“
Ich sah sie an. Ich wusste, dass sie für große Pariser Häuser genäht hatte. Aber zwischen unseren Teetassen und dem Duft nach Mandeln bekam das plötzlich eine ganz andere Größe.
Während Madame die Zeichnungen ordnete, stellte ich mir vor, wie Yves Saint Laurent damals durch den schmalen Durchgang in ihren Hinterhof trat. Sein dunkler Mantel streifte die Mauer. Von der Straße drang nur noch gedämpftes Motorengeräusch herein. Das kleine Atelier lag so verborgen, dass man leicht daran vorbeigegangen wäre.
Ich sah Madame vor mir, jung, mit hochgestecktem Haar. Auf ihrem Tisch lagen Stoffbahnen; eine Schere hielt die Ecke eines Schnittbogens fest. Saint Laurent legte den Mantel über einen Stuhl und beugte sich zu dem Kleid auf der Schneiderpuppe. Er deutete auf die Schulter. Madame löste eine Stecknadel, verschob den Stoff und trat einen Schritt zurück.
In meiner Vorstellung verstanden sich die beiden mit wenigen Worten.
Schließlich nickte er. Madame griff nach der Kreide.
Ich hätte zu gern gewusst, wie er war. Was genau er gesagt hatte. Aber an diesem Nachmittag traute ich mich nicht, Madame danach zu fragen.
– Alma